Ein ethnologischer Blick auf Polyamorie

Bei Polyamorie handelt es sich um ein westliches Konzept, welches sich von der Norm der Monogamie abgrenzt und die Umschreibung “verantwortungsvolle Nicht-Monogamie“ ersetzt. Dabei ist die Idee, Beziehungen mit mehreren Menschen zu führen, keinesfalls eine neue Erfindung, sondern in vielen nicht-westlichen Kulturen seit Jahrhunderten vertreten bzw. bis zu dem Zeitpunkt der gewaltvollen Kolonialisierungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts vertreten gewesen. Durch ein System der Förderung und Sanktionierung, mediale Repräsentation und Kontrolle der Mediensysteme wurde dort das christlich geprägte Familienmodell sowie die Zweigeschlechternorm der euro-amerikanischen Kultur als einzig legitime Form des sozialen Zusammenlebens durchgesetzt.

Wie die Psychologin Deborah Anapol in ihrem Buch „Polyamory in the 21st Century. Love and intimacy with multiple partners“ (2010) schreibt, wurde die Bezeichnung „Polyamorie“ als Ersatz des Ausdrucks “verantwortungsvolle Nicht-Monogamie“ Ende der 1980er Jahre von den „Church of All“-Gründer*innen Oberon Zell-Ravenheart und Morning Glory Zell-Ravenheart vorgeschlagen, wodurch sich der Einfluss vieler spiritueller und esoterischer Gruppen erklären ließe. Die lateinische Wortwurzel amor bedeutet Liebe und das griechische Wort polýs viel, wodurch sich Polyamory wörtlich mit “viele Lieben“ oder “mehr als eine Liebe“ übersetzen lässt. Neben der englischen Schreibweise Polyamory werden in der deutschen Sprache die Worte Polyamorie, Polyamoury, polyamorös, polyamourös oder poly verwendet.

Darüber hinaus gibt es andere Begriffe, die nicht-monogame Formen von Liebesverhältnissen beschreiben, wie zum Beispiel offene Beziehung, offene Ehe, Polyfidelity, Gruppen-Ehe, intimes Netzwerk, Triade, nicht-exklusive Beziehung oder intime Freundschaft. Auch Beziehungen, die aktuell monogam gelebt werden, aber diese Exklusivität nicht für immer beanspruchen, können als polyamourös bezeichnet werden.

Polyamorie ist jedoch abzugrenzen von anderen nicht-monogamen Beziehungsformen, die in unterschiedlichen Regionen der Welt praktiziert werden, wie der Polyandrie (Ehe einer Frau mit mehreren Männern), der Polygynie (Ehe eines Mannes mit mehreren Frauen) und anderen weder paarförmig noch sexuell exklusiv gestalteten Lebensgemeinschaften. Unter nicht-monogamen Lebensweisen im Allgemeinen sind Beziehungspraxen zu verstehen, in denen Menschen auf konsensuale, verantwortungsbewusste Weise mit mehr als einer*m Partner*in sexuell aktiv sind, BDSM praktizieren und/oder in Beziehungen leben.

Christian Klesse definiert das Konzept in seinem Artikel „Polyamory – Von dem Versprechen, viele zu lieben“ (2007) in der Zeitschrift für Sexualforschung wie folgt:

„Polyamory ist ein Beziehungskonzept, das er ermöglicht, sexuelle und/oder Liebesbeziehungen mit mehreren Partner*innen gleichzeitig einzugehen. Voraussetzung ist, dass alle Beteiligten um den nicht-monogamen Charakter der Beziehung wissen und diesen befürworten. Offenheit, Kommunikation und Konsensfindung sind zentrale Werte dieser Beziehungsphilosophie und begründen ihren ethischen Anspruch. Polyamory hat ihre Wurzeln in der feministischen Kritik an Zwangsehe und Zwangsmonogamie und in den Experimenten der 1960er Jahre mit nicht-monogamen Lebensweisen in verschiedenen Subkulturen. Heute wird Polyamory vielfach mit New Age, Esoterik und dem Wunsch nach Spiritualität und alternativen Lebensweisen assoziiert.“ (Klesse 2007, S. 315)

Im Jahr 1990 organisierten sich erstmals im US-amerikanischen Raum Menschen, die konsensuale Liebesbeziehungen mit mehreren Menschen führen oder diese befürworten unter dem Oberbegriff Polyamory. Im deutschsprachigen Raum fand die Vernetzung vor allem durch Websites, Stammtische und Mailinglisten seit dem Jahr 2002 statt. In der feministischen Szene war es vor allem die Lesbenbewegung, die einen Beitrag zur Entstehung einer deutschsprachigen Community leistete.

Eine sich in den 1990er darin gegründete Gegenbewegung setzte sich für die gesetzgeberische Gleichstellung der nicht-monogamen Lebensweisen mit monogamen Lebensweisen ein und gründete 1999 auf einem bundesweiten Koordinierungstreffen in Regensburg eine Aktionsplattform namens “Schlampagne“. Auch wenn sich der Ansatz in der Homosexuellen-Bewegung politisch nicht durchsetzen konnte, existierst das Wort “Schlampe“ in der feministischen Szene als Selbstbezeichnung für Frauen, die nicht klassisch monogam leben wollen, noch heute und findet auch in der seit 2006 einmal jährlich veröffentlichten Zeitschrift „Die Krake – Künstliche Beziehungen von unnatürlichen Frauen“ sowie auf der dazu gehörigen Website mit dem Titel „Schlampige Polytanten“ Verwendung. Das Medieninteresse stieg hierzulande im Jahr 2007 als viele überregionale Tageszeitungen Artikel zu dem Thema veröffentlichten und einige Fernseh- und Radiosender polyamor lebende Menschen in ihre Sendungen einluden.

Das Thema konsensualer, nicht-monogamer Beziehungen fand Anfang der 2000er Jahre im anglofonen Raum öffentliche Aufmerksamkeit als sich mehrere in der Öffentlichkeit stehende Personen zu ihren nicht-monogamen Beziehungen bekannten. Im Jahr 2006 wurde das Wort Polyamory im Oxford English Dictionary aufgenommen und auch das generelle akademische Interesse an dem Thema nahm zu diesem Zeitpunkt zu, was an der zunehmenden Veranstaltung von Konferenzen sowie der Veröffentlichung von Spezialausgaben von Zeitschriften und Sammelbänden ersichtlich ist. Polyamorie als eine Form der verantwortungsvollen Nicht-Monogamie findet nun vor allem in sexual-, sozial- und kulturwissenschaftlicher Forschungen Beachtung.

In den unterschiedlichen Disziplinen wird der Begriff Polyamorie als Beziehungspraktik, Philosophie, Theorie, Beziehungsorientierung oder Identität definiert. Viele aktuelle Veröffentlichungen erschienen von dem deutschen Soziologen Christian Klesse, welcher in seinem 2014 publizierten Artikel “Polyamory: Intimate practice, identity or sexual orientation?“ die Frage stellt, ob Polyamory als sexuelle Orientierung zu definieren sei und zu dem Schluss kommt, dass dies starre Grenzen zwischen nicht-monogamen Identitäten und Communities erzeugen und eine vielfältige Repräsentation von Begehren und sexuellem Verhalten verhindern würde.

Marianne Pieper und Robin Bauer benennen die machtvolle Struktur, welche nicht-monogame Beziehungsformen als Abweichungen der Norm abwertet, im Kapitel „Polyamory und Mono-Normativität: Ergebnisse einer empirischen Studie über nicht-monogame Lebensweisen“ im 2005 erschienenen Buch „Mehr als eine Liebe. Polyamouröse Beziehungen“ von Laura Méritt, Traude Bührmann und Nadja Boris Schefzig (Hg.) als „Mono-Normativität“.

Im Laufe der Herausbildung der bürgerlichen Ehe und Kernfamilie im Bildungsbürgertum gegen Ende des 18. Jahrhunderts sei die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung naturalisiert und zusammen mit der Norm der Heterosexualität und Monogamie zu einem fundamentalen Stützbein der kapitalistischen Produktion und Gesellschaftsorganisation geworden. Ein Aspekt der mononormativen Kultur, in der wir heute noch immer leben würden, sei die häufige Äußerung von moralisierenden Vorurteilen gegenüber polyamourös lebenden Menschen oder die Sanktionierung des Verhaltens vor allem weiblich gelesener Akteur*innen. Pieper und Bauer nennen als weitere Folgen einer mononormativen Sozialisation die gesellschaftliche Sicht auf den lebenslangen Fortbestand einer Beziehung als dessen einziges Ziel anstelle der Wertschätzung der darin gemachten Erfahrungen, sowie mononormativ strukturierte Gefühle wie Eifersucht, Verlustängste, Konkurrenz- und Neidgefühle und Bedrohungen des Selbstwertgefühls.

Christian Klesse lässt in seinem Kapitel „This is not a Love Song! Über die Rolle von Liebe und Sex in Diskussionen über Nicht-Monogamie und Polyamory“ im selben Sammelband polyamourös lebende Interviewpartner*innen zu Wort kommen, die in der Stilisierung von Polyamorie als verantwortliche Nicht-Monogamie einen Ausschluss von sex-radikalen Stimmen in der Bewegung sehen. Einige Poly-Aktivist*innen, dessen sexuelle Lebensweisen von Aktivist*innen, die beispielsweise Polyfidelity (geschlossene Mehrfachbeziehungen) praktizieren, als promiskuitiv abgewertet oder pathologisiert werden, unterstellen letzteren ein Assimilationsbedürfnis an die mononormative Mehrheitsgesellschaft.

Andere sähen in dem Wort Polyamorie eine Privilegierung des Begriffskerns Liebe, wodurch lustfokussierte Formen der Sexualität ausgeschlossen werden würden. Klesse selbst ist der Meinung, dass die Definition von Polyamory über Gefühle wie Liebe und Intimität diese als Inbegriff von Verantwortung stilisiere, wodurch der normative Gehalt dieser Beziehungsideologien gestärkt werde. Dennoch wirke sie der Normativität von Zweierbeziehungen und Monogamie entgegen, indem sie Raum für Mehrfachbeziehungen schaffe und daher unserer westlichen Kultur der “Zwangsmonogamie“ nicht zuträglich sei. Politischer Aktivismus im Sinne von Polyamorie entwickele also immer normative als auch anti-normative Impulse.

In der Europäischen Ethnologie findet das Thema in veröffentlichten Forschungen bisher wenig Rezeption. Mir ist zu diesem Zeitpunkt nur die Arbeit „Praktiken der Polyamorie. Über offene Beziehungen, intime Netzwerke und den Wandel emotionaler Stile“ von Karoline Boehm aus dem Jahr 2012 bekannt, in der die Autorin eine empirische Studie über polyamore Lebensformen in Wien durchführt. Boehm schreibt darin, dass polyamore Lebensweisen für ethnografische Forschungen von Interesse seien, da sich in ihnen Muster beziehungskonstituierender Handlungen wie Streben nach Identifikation mit der Lebensform, Prozesse der Aushandlung und Spezialisierung von Interessen und Distinktionen abbilden ließen.

Die Autorin fokussiert ihre Forschung auf diese Praktiken des Beziehungs-Führens und Intimität-Herstellens, welche sie als performativer Akt des Doing Intimacy und Doing Polyamory bezeichnet und betrachtet dabei vor allem das Agieren der Akteur_innen in der Szene und ihrem sozialen Umfeld. Die (beziehungs-)biographischen Erfahrungen seien prägend für die Handlungsmuster der Akteur_innen und würden im Prozess des Polyamor-Werdens, welcher das Erlangen von szenespezifischem Wissen und Erfahrungen beinhalte, umgedeutet, hinterfragt oder verworfen.

Das Erkennen der eigenen Begehrensstruktur und Polyamourös-Werden der Akteur_innen beschreibt Boehm als Authentifizierung des Selbst und macht nach Michel Foucault darin einen Moment der Subjektivierung aus, in dem die Akteur*innen durch den Glauben an die Unterdrückung ihres polyamoren Begehrens zur Arbeit am Selbst aktiviert werden würden.

Der Prozess der Neuorientierung der polyamourösen Lebensform sei mit dem Wechsel in ein neues Wertesystem verbunden, und da durch diesen grundsätzlichen Perspektivwechsel Bedürfnisse und Empfindungen, die zuvor illegitim schienen, nun für das Gewissen der Akteur*innen vereinbar werden, bezeichnet Boehm diesen nach Arnold van Gennep als rite de passage. Zudem beschreibt sie den Wandel im Denken über Beziehungen mit Eva Illouz als besonderen emotionalen Stil, welcher durch ein neues Verständnis für nicht-monogames Begehren charakterisiert sei und zur Folge habe, dass nicht-monogames Handeln enttabuisiert und durch andere normierende Kodexe des Handelns ersetzt werde.

Dieser Text wurde im Jahr 2016 verfasst.

 

Quellen:

ANAPOL, Deborah (2010): Polyamory in the 21st Century. Love and Intimacy with Multiple Partners (S. 1). Plymouth: Rowman & Littlefield Publishers, Inc.

BARKER, Meg / Heckert, Jamie / Wilkinson, Eleanor (2013): Polyamorous Intimacies: From One Love to Many Loves and Back Again. In: Sanger, Tam / Taylor, Ivette (beide: Hg.): Mapping Intimacies. Relations, Exchanges, Affects (S. 190). London: Palgrave Macmillian.

BOEHM, Karoline (2012): Praktiken der Polyamorie. Über offene Beziehungen, intime Netzwerke und den Wandel emotionaler Stile (S. 7-129). Wien: Verlag des Instituts für Europäische Ethnologie.

KLESSE, Christian (2014): Polyamory: Intimate practice, identity or sexual orientation. In: Sexualities (S. 81-95). Manchester: Sage.

KLESSE, Christian (2007): Polyamory – Von dem Versprechen, viele zu lieben. In: Zeitschrift für Sexualforschung (S. 315). Stuttgart: Georg Thieme Verlag.

KLESSE, Christian (2005): This is not a Love Song! Über die Rolle von Liebe und Sex in Diskussionen über Nicht-Monogamie und Polyamory (S. 126-130). In: Méritt, Laura / Bührmann, Traude / Schefzig, Nadja Boris (alle: Hg.): Mehr als eine Liebe. Polyamouröse Beziehungen. Berlin: Orlanda Frauenverlag.

LAMBING, Julio (2012): Geschichte der polyamoren Bewegung in Deutschland, Österreich und Schweiz.http://www.polyamory.de/geschichte-der-polyamoren-bewegung-deutschland-%C3%B6sterreich-und-schweiz (Zugriff: 10.07.2016).

OYĚWÙMÍ, Oyèrónkẹ́ (2002): Conceptualizing gender: The eurocentric foundations of feminist concepts and the challenge of African epistemologies (S. 1-3). In: A Journal of Culture and African Women Studies 2. JENdA.

PIEPER, Marianne / Bauer, Robin (2005): Polyamory und Mono-Normativität. Ergebnisse einer empirischen Studie über nicht-monogame Lebensformen (S. 59-66). In: Méritt, Laura / Bührmann, Traude / Schefzig, Nadja Boris (alle: Hg.): Mehr als eine Liebe. Polyamouröse Beziehungen. Berlin: Orlanda Frauenverlag.

VETTER, Christina / Schroedter, Thomas (2010): Polyamory. Eine Erinnerung (S. 26-48). Stuttgart: Schmetterling Verlag.

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